Straßenköter, 1000 Fliegen und ein Vaporetto

Heute geht es weiter nach Norden, die Albanische Küste entlang nach Durres. Wieder eine sehr weite Strecke und es soll weiterhin Nord-WestWind geben, dh ich werde die ganze Zeit grenzwertg am Wind segeln müssen.

In meinem Führer und den Seekarten steht mal wieder nix Gutes. Sehr unsichere und einsame Küste, unklare Minengebiete. Netz habe ich seit Albanien auch nicht mehr. Hilfe von aussen nicht zu erwarten. Ich bin sehr angespannt. Wenn hier der Motor ausfällt, das Ruder streikt oder sonst ein größeres Problem auftaucht. Um 4.30 Uhr klingelt der Wecker. Einen schnellen Kaffee für die Stimmung und dann gehts um 5 Uhr, kurz vor Sonnenaufgang los. Immerhin ist das Wetter gut. Bei starker Bewölkung oder sogar Regen ist es richtig schwierig sich bei Laune zu halten. So ist es schon schwer genug. Ich habe die ganze Zeit Zweifel, ob das eine gute Idee war so ganz alleine über Albanien zurück zu fahren. Zum Abschied weht noch mal ein Kloakeduft über den Hafen.




Insgesamt bin ich 14 Stunden unterwegs, die meiste Zeit unter Segel mit Motorunterstützung, damit ich meinen Schnitt von etwa 5 kn schaffe. Die Küste in diesem gesamten Abschnitt ist sehr flach und stark versandet, daher muss ich weiter draußen fahren. Somit sehe ich nur Wasser um mich rum. Während der gesamten Zeit sehe ich lediglich in der Ferne ein Segelboot. Sonst nix. Kein Motorboot, keine Fähre, kein Tanker. Oh is mir unheimlich. Wäre ich jetzt gerne im überfüllten Griechenland, mit den hunderten Booten. Irgendwann sehe ich Durres am Horizont auftauchen. Bei der Ansteuerung gibt es einiges zu beachten. Unten sieht man die Abbildung im Hafenhandbuch, den Plotter und das dazugehörige Foto vom Boot aus.

Durres ist die zweit größte Stadt Albaniens und die größte Hafenstadt des Landes.


Kurz vor der Hafeneinfahrt funke ich das Hafenamt an und bitte um Einfahrtsgenehmigung. Die melden sich auch sofort und meinten ich solle kommen. Riesiger Industriehafen mit lauter Kränen und Containerschiffen. In einer Ecke sind ein paar kleinere Motorboote und sogar ein Segelboot, da fahre ich mal hin.

Am Steg steht auch schon der Typ vom Hafenamt und winkt mir zu. Als ich näher komme sehe ich, dass dieser Typ ne Aktentasche dabei hat und sonen bissi geschleckter aussieht. Komischer Hafenmeister denke ich mir noch als mir beim Anlegen klar wird: Das ist ein Agent!. Noch bevor ich fest bin, veranstalte ich einen echten Zwergenaufstand, beschimpfe ihn, ganz Albanien und noch mehr. Ich will keinen komischen, überflüssigen und überteuerten Agenten! Er meinte dann nur, das laufe hier nunmal so und ich könne ja auch wieder fahren. Oh nee danke, aber für heute kann ich nicht mehr, aber ich beschließe  in dem Moment am nächsten Tag Albanien wieder zu verlassen, egal wie. Als ich erkenne, dass ich ohne den Agenten nicht weiterkommen werden, werde ich ganz freundlich, bitte ihn an Bord und biete ihm sogar etwas zu trinken an, aber nur abgestandenes griechisches Wasser.

Mein ganzes Geschimpfe hat sich gelohnt, da ich einen guten Discount bekomme. Trotzdem zahle ich für eine Nacht noch 70,- Euro. Am Kai erwarten mich 3 zerzauste Strassenhunde, der Agent meinte, hier gebe es noch einige mehr, aber sie seien nicht gefährlich. Als ich nach 10 Minuten unter Deck gehe, ist plötzlich alles voller Fliegen. Nun kommt meine Fliegenklatsche zum Einsatz, die ich noch in München in einem 1 Euro Shop erstanden hatte.Trotz 20 Toter in kurzer Zeit schwirren immmer noch hunderte Fliegen um meinen Kopf. Ich gebe auf.

 

Der Agent meinte es gebe hier noch zwei Deutsche am Kai, die mit einem iltalinischen Boot da seien. Ich beschließe die mal zu suchen.

Ein paar hundert Meter weiter entdecke ich ein altes Vaporetto (diese kleinen Personenfähren aus Venedig). Fritz (Vater) und Friedrich (Sohn) haben scheinbar auch schon von mir erfahren, da sie mich sofort zu sich an Deck zu Wein und Besichtigung einladen.

F&F haben das 1905 gebaute Vaporetto vor 2 Jahren in Venedig erstanden, dort hergerichtet und nun wollen sie ihre Ino  bis nach Berlin bringen. Von Venedig, durch die Adria, weiter über Athen, Istanbul, schwarzes Meer, Donau, Budapest, Wien, Frankfurt bis nach Berlin. Sie haben sich bis Weihnachten dafür Zeit genommen. Die werden sie auch brauchen, wegen der hohen Wellen hängen sie bereits seit 3 Tagen in Durres fest und werden auch noch 2 weitere Tage bleiben müssen. Ooh ja, da draußen hat es richtig hohe Wellen, sieht man auf den Fotos nur immer nicht so richtig. Ich hab noch nicht rausgefunden, wie man Wellen fotografiert, dass sie auf nem Foto auch so bedrohlich aussehen wie in Natura.

Tolle Geschichte von den beiden und das Boot ist wirklich sehr gut hergerichtet. Sogar mit Waschmaschine etc.

Unter: ino-art.eu kann man die zwei auch begleiten und mehr über den Umbau erfahren.

 

Wir gehen zusammen Abendessen. In einem relativ guten Lokal. Es gibt ua Seeigel und einen Wahnsinns- Fischeintopf. Beim Rückweg moniert Friedrich, der gerade sein Architekturstudium beendet hatte, die hässliche, teilweise nicht fertiggestellte, unsinnige bzw nicht durchdachte "moderne" Architektur. Und er hat recht, beim Hinweg hatte ich mir das auch schon die ganze Zeit gedacht, dass es hier irgendwie seltsam ist, aber er hat es dann aus Sicht des Profis gut formuliert.

Unterwegs zurück zum Hafen denke ich mir noch, hier in Durres könnte ich auch noch einen weiteren Tag bleiben, mit den beiden ist es ganz nett und so ein Industriehafen hat irgendwie was.

Als ich aber beim Boot zurück bin und mich dort am Kai die Meute der Strassenhunde und unter Deck gefühlt 1000 Fliegen begrüßen, beschließe ich morgen in jedem Fall abzulegen und stelle um 4 Uhr den Wecker. Ich erschlage noch ein paar Fliegen und schließe dann sicherheitshalber alle Luken, hier gibts sicher auch noch Ratten, die ich nicht zusätzlich noch an Bord haben möchte.